John Brown, Architektur-Professor im kanadischen Calgary, versucht, Bauherren und Kollegen für die Idee des – wörtlich übersetzt – „langsamen Hauses“ zu gewinnen. Brown bezieht sich ausdrücklich auf die Slow-Food-Bewegung. Seine Website www.theslowhome.com macht die modernen Bausünden zum Thema: schnell und vergänglich, ohne Bezug zur Umgebung, ohne Rücksicht auf die Umwelt hochgezogen. Und will mit positiven Gegenbeispielen dazu anregen, als Kunde und Auftraggeber in Sachen Raumerlebnis, Wohngesundheit, Nachhaltigkeit und Werthaltigkeit hohe Ansprüche zu stellen. Mit lebenswerter Umwelt seien bereits die vier Wände gemeint.
Auf unserer Seite des Großen Teichs wird da reflexartig der Antiamerikanismus hervorgeholt, der vor Kanada nicht Halt macht. Sieht man doch immer im Fernsehen, sobald dort wieder ein Hurrikan gewütet hat, dass die nur Bretterbuden können. Leider aber hat die Entdeckung der Schnelligkeit auf den Baustellen auch bei uns zu merklichem Qualitätsverlust geführt. Schimmelalarm zwei Wochen nach dem Einzug, weil das Gebäude nicht austrocknen konnte, kalter Luftzug aus den Steckdosen, das sind Erfahrungen nicht weniger frisch gebackener Hausbesitzer. Solide alte Bausubstanz kennt solche Probleme nicht, weiß der im Umgang mit ihr Erfahrene. Gerade Bürgerhäuser aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert überraschen darüber hinaus mit ihrer Wandlungsfähigkeit, die Grundrisse erlauben unkomplizierte Umnutzung und Zimmertausch. Die Baustoffe sind schadstofffrei und eines (fernen) Tages einfach zu entsorgen oder wiederzuverwerten. Während die in den letzten fünfzig Jahren verwendeten Bauteile und Baustoffe aus mehreren Komponenten nur mit großem Aufwand aufzubereiten sind. Zurück nach vorne? Selbstverständlich kann „billig und schnell“ keine Antwort auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sein, doch die hochgelobten Gründerzeithäuser haben ein entscheidendes Manko, und das ist ihr Energieverbrauch. Ihre Wärmeisolierung ist mangelhaft, sie stammen aus einer Zeit, in der geheizt anstatt gedämmt wurde. Sogar ein den Mindestanforderungen entsprechender Neubau kommt mit einem Bruchteil ihrer Energiezufuhr aus.