Interview mit einer Wohnmedizinerin

Frau Dr. Julia Hurraß erklärt, was bei der Wohngesundheit besonders wichtig ist. Die Wissenschaftlerin leitet seit 2015 das Sachgebiet Krankenhaushygiene im Gesundheitsamt Köln und ist zusätzlich öffentlich bestellte und vereidigte Sach­verständige für Schad­stoffe in Innen­räumen und an Gebäuden.

Das Interview zur Wohnmedizin

Welche Gefahren gehen von heute verwendeten Baustoffen und Bauweisen aus?
Die heutzutage zum Einsatz kommenden Baustoffe führen sicherlich nicht mehr zu so eindeutigen Gesundheitsgefahren, wie es noch vor 20 bis 30 Jahren durch asbesthaltige Isoliermaterialien, Holzschutzmittel und krebserregende Lösungsmittel der Fall war. Diese sehr gefährlichen Bau- und Einrichtungsprodukte wurden durch andere ersetzt. So kommen immer neue Bauprodukte auf den Markt, die sich laut Herstellerangaben meistens durch eine bessere Gesundheitsverträglichkeit und durch bessere Anwendungseigenschaften auszeichnen.
Aber auch neue Produkte sind nicht unbedingt als unproblematisch einzuschätzen. So werden zum Beispiel in so genannten Wasserlacken häufig Glykolverbindungen als Lösungsmittel eingesetzt. Diese sind teilweise genauso giftig wie die herkömmlichen Lösungsmittel. Sie gasen aber langsamer aus den behandelten Oberflächen aus und belasten die Räume so über Jahre hinweg. Bodenkleber, welche diese Glykolverbindungen enthalten, sind teilweise als „lösemittelfrei“ gekennzeichnet, weil die schwerflüchtigen Glykole nicht unter die allgemeine Definition für Lösungsmittel fallen.
Neben den aus Bau- und Einrichtungsstoffen ausgasenden Chemikalien sind Stäube, Allergene und Mikroorganismen, hier vor allem Schimmelpilze, aber auch physikalische Parameter, wie ein unzureichender Luftwechsel oder zu hohe Raumlufttemperaturen, oft die Ursache von Gesundheits- und Befind­lichkeitsstörungen in Innenräumen. Durch die Anforderungen des energieeinsparenden Bauens ist die Frischluftzufuhr in modernen Gebäuden zudem häufig unzureichend, wodurch sich diese Probleme verstärken.

Woran orientieren Sie sich, wenn Sie Bauprodukte empfehlen beziehungsweise von bestimmten Bauprodukten abraten?
Zum einen verfügen wir über viele Erfahrungen bei der gesundheitlichen Bewertung und führen darüber hinaus aufwendige wissenschaftliche Stu­dien zu diesem Thema durch. So wurden von uns in der Vergangenheit unter anderem die gesundheitlichen Auswirkungen von Holz und Holzwerkstoffen, Zement- und Asbeststäuben, Weichmachern und flüchtigen organischen Verbindungen untersucht.
Zum anderen gibt es die verschiedenen Zeichen und Label, wie zum Beispiel den Blauen Engel, an denen man sich orientieren kann. Die Produkte werden dabei entsprechend der jeweiligen Vergabekriterien genau untersucht. Durch Emissionskammermessungen wird sichergestellt, dass die ausgasenden Substanzen bestimmte Werte nicht überschreiten.

Tipps für Häuslebauer?
Um ein gesundheitsverträgliches Haus zu bauen, gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten.
Entweder muss man sich selber genauestens über die verschiedenen Baumaterialien, Lüftungs- und Heizvarianten, und vieles mehr informieren und dann auch kontrollieren, ob wirklich nur die ausgesuchten Materialien zum Einsatz kommen.
Oder man sucht sich professionelle Hilfe. Ein Anbieter ist das Sentinel Haus Institut, die komplett den Bau eines gesundheitsverträglichen Hauses übernehmen.

Es gibt bereits Architekten, die grundsätzlich nur noch mit Lüftungsanlage bauen. Wie stehen Sie zu dieser Technik?
Maschinelle Lüftungsanlagen stellen eine hervorragende technische Möglichkeit dar, um einen niedrigen Energieverbrauch und ein gesundes Raumklima zu verbinden. Ganz entscheidend ist aber, dass nach der Installation eine Abnahmeprüfung erfolgt und dass die Anlage in der Folgezeit regelmäßig überprüft und gewartet wird. Dies unterbleibt jedoch leider häufig, was in der Praxis dazu führt, dass die Luftqualität in Gebäuden mit Lüftungsanlagen besonders schlecht sein kann. Die Volumenströme sind oft von Anfang an nicht korrekt eingestellt. Daraus resultiert entweder besonders stickige Luft, oder es kommt zu starken Zuglufterscheinungen. Wenn die Wartung der Anlagen ausbleibt, verstopfen nach einiger Zeit die Filter, oder es wachsen Mikroorganismen darin, die dann die Raumluft belasten können.
Insofern raten wir nur zu solchen Anlagen, wenn sichergestellt ist, dass diese vernünftig geplant und ausgeführt und später regelmäßig kontrolliert und gewartet werden.

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