Interview mit einer Wohnmedizinerin

Die Wohnmedizinerin Frau Dr. Julia Hurraß erzählt, was alles zum Thema Wohngesundheit besonders wichtig ist.

Interview mit einer Wohnmedizinerin

Seit 2008 gibt es am renommierten Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene (IUK) des Universitätsklinikums Freiburg eine Abteilung für Wohnmedizin. Aus der Forschung direkt für die Praxis, so könnte man das Motto der Wohnmediziner nennen. Sie beraten telefonisch zu den Risiken und Nebenwirkungen von Baumaterialien aller Art, zu Sanierung und Neubau, und kommen auch ins Haus, zwecks Suche nach Belastungsquellen (Adresse: s.u.). Wir haben die Leiterin, Frau Dr. Julia Hurraß, zur Arbeit der Abteilung und zur Wohngesundheit allgemein befragt.

Welche Gefahren gehen von heute verwendeten Baustoffen und Bauweisen aus?
Die heutzutage zum Einsatz kommenden Baustoffe führen sicherlich nicht mehr zu so eindeutigen Gesundheitsgefahren, wie es noch vor 20 bis 30 Jahren durch asbesthaltige Isoliermaterialien, Holzschutzmittel und krebserregende Lösungsmittel der Fall war. Diese sehr gefährlichen Bau- und Einrichtungsprodukte wurden durch andere ersetzt. So kommen immer neue Bauprodukte auf den Markt, die sich laut Herstellerangaben meistens durch eine bessere Gesundheitsverträglichkeit und durch bessere Anwendungseigenschaften auszeichnen. Aber auch neue Produkte sind nicht unbedingt als unproblematisch einzuschätzen. So werden zum Beispiel in so genannten Wasserlacken häufig Glykolverbindungen als Lösungsmittel eingesetzt. Diese sind teilweise genauso giftig wie die herkömmlichen Lösungsmittel. Sie gasen aber langsamer aus den behandelten Oberflächen aus und belasten die Räume so über Jahre hinweg. Bodenkleber, welche diese Glykolverbindungen enthalten, sind teilweise als „lösemittelfrei“ gekennzeichnet, weil die schwerflüchtigen Glykole nicht unter die allgemeine Definition für Lösungsmittel fallen.
Neben den aus Bau- und Einrichtungsstoffen ausgasenden Chemikalien sind Stäube, Allergene und Mikroorganismen, hier vor allem Schimmelpilze, aber auch physikalische Parameter, wie ein unzureichender Luftwechsel oder zu hohe Raumlufttemperaturen, oft die Ursache von Gesundheits- und Befind­lichkeitsstörungen in Innenräumen. Durch die Anforderungen des energieeinsparenden Bauens ist die Frischluftzufuhr in modernen Gebäuden zudem häufig unzureichend, wodurch sich diese Probleme verstärken.

Was kostet die telefonische Beratung?
Das hängt von der Dauer des Telefonats ab. Für kurze Auskünfte verlangen wir 10 Euro, während eine einstündige Beratung 50 Euro kostet.

Was kostet eine Vor-Ort-Messung der Raumluft mit Analyse?
Auch das lässt sich nicht pauschal beantworten. Wir berechnen Fahrtkosten und die Arbeitsstunden vor Ort. Hinzu kommen feste Preise für die unterschiedlichen Analysen, die in unserem Leistungskatalog aufgeführt sind. Die Messung einer ganzen Palette von flüchtigen organischen Verbindungen, den VOC,
kos­tet beispielsweise 230 Euro netto.

Wie lange dauert die Messung, wann kann man mit dem Ergebnis rechnen?

Die Messungen selber dauern meistens nicht besonders lange. Wir führen aber vor Ort stets auch eine ausführliche Wohnraumbegehung durch und befragen die betroffenen Personen nach ihren Problemen in den Räumen. Die Ergebnisse der Begehung werden in einem Protokoll festgehalten, das häufig wichtige Anhaltspunkte liefert, wenn es darum geht, die Quellen für Schadstoffbelastungen zu finden. Für die meisten Messungen sollten zwei bis drei Stunden veranschlagt werden. Die Ergebnisse liegen dann nach nur wenigen Wochen vor.

Beteiligen sich die Krankenkassen an den Kosten?
Nein, leider meistens nicht. Deshalb müssen wir unseren Kunden und Patienten Rechnungen stellen. Nur darüber wird unsere Arbeit finanziert.

Woran orientieren Sie sich, wenn Sie Bauprodukte empfehlen beziehungsweise von bestimmten Bauprodukten abraten?
Zum einen verfügen wir über viele Erfahrungen bei der gesundheitlichen Bewertung und führen darüber hinaus im Institut aufwendige wissenschaftliche
Stu­dien zu diesem Thema durch. So wurden von uns in der Vergangenheit unter anderem die gesundheitlichen Auswirkungen von Holz und Holzwerkstoffen, Zement- und Asbeststäuben, Weichmachern und flüchtigen organischen Verbindungen untersucht.
Zum anderen gibt es die verschiedenen Zeichen und Label, wie zum Beispiel den Blauen Engel, an denen man sich orientieren kann. Die Produkte werden dabei entsprechend der jeweiligen Vergabekriterien genau untersucht. Durch Emissionskammermessungen wird sichergestellt, dass die ausgasenden Substanzen bestimmte Werte nicht überschreiten.

Tipps für Häuslebauer?
Um ein gesundheitsverträgliches Haus zu bauen, gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder muss man sich selber genauestens über die verschiedenen Baumaterialien, Lüftungs- und Heizvarianten, und vieles mehr informieren und dann auch kontrollieren, ob wirklich nur die ausgesuchten Materialien zum Einsatz kommen. Oder man muss sich professionelle Hilfe holen. So bietet unsere „Wohnmedizin“ bei der Auswahl von Baumaterialien Unterstützung an und kann die Errichtung, den Bau oder auch eine Sanierung durch Messungen begleiten. Andere Anbieter, wie das Sentinel Haus Institut, übernehmen komplett den Bau eines gesundheitsverträglichen Hauses.

Es gibt bereits Architekten, die grundsätzlich nur noch mit Lüftungsanlage bauen. Wie stehen Sie zu dieser Technik?
Maschinelle Lüftungsanlagen stellen eine hervorragende technische Möglichkeit dar, um einen niedrigen Energieverbrauch und ein gesundes Raumklima zu verbinden. Ganz entscheidend ist aber, dass nach der Installation eine Abnahmeprüfung erfolgt und dass die Anlage in der Folgezeit regelmäßig überprüft und gewartet wird. Dies unterbleibt jedoch leider häufig, was in der Praxis dazu führt, dass die Luftqualität in Gebäuden mit Lüftungsanlagen besonders schlecht sein kann. Die Volumenströme sind oft von Anfang an nicht korrekt eingestellt. Daraus resultiert entweder besonders stickige Luft, oder es kommt zu starken Zuglufterscheinungen. Wenn die Wartung der Anlagen ausbleibt, verstopfen nach einiger Zeit die Filter, oder es wachsen Mikroorganismen darin, die dann die Raumluft belasten können.
Insofern raten wir nur zu solchen Anlagen, wenn sichergestellt ist, dass diese vernünftig geplant und ausgeführt und später regelmäßig kontrolliert und gewartet werden.

Kümmern Sie sich auch um den so genannten Elektrosmog?
Es gibt zu dem Thema regelmäßig Anfragen an uns, und es wurde am Institut auch eine Studie zur Auswirkung von Mobilfunk-Strahlung auf die Kanzerogenese an Zelllinien durchgeführt. Wir bieten aber keine Messungen für elektrische, magnetische und die hochfrequenten elektromagnetischen Felder an und sind zudem der Auffassung, dass es bisher keine wissenschaftliche Studie gibt, die bei den üblichen Feldstärken irgendwelche gesundheitsrelevanten Effekte zeigen konnte.

Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Freiburg
Abteilung Wohnmedizin
Hugstetter Straße 49
79106 Freiburg
Frau Dr. Julia Hurraß
Tel.: 07 61/2 70-8329
E-Mail: iuk-wohnmedizin@uniklinik-freiburg.de


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