Baubiologie: Gesundes Wohnen in den eigenen vier Wänden

Zuhause wollen wir sicher und geborgen sein – aber Räume bzw. ihre Ausstattung können krank machen. Wer die Gestaltung seiner Wohnumwelt beeinflussen kann, hat auch die Chance, wohngesunde Aspekte zu berücksichtigen, um schließlich das Ziel "Gesundes Wohnen" zu erreichen.

Anders als bei unserem Trinkwasser, dessen Qualität gesetzlich geregelt und unter intensiver Kontrolle steht, fallen die Regelungen bezüglich der Raumluftqualität in Wohnhäusern sehr lasch aus – darauf weist die Baubiologie hin. Wer baut oder renoviert, muss also selber für ein wohngesundes Umfeld für sich und seine Familie sorgen.

Alt und neu

Die heutigen Bau- und Ausbaumaterialien bergen zwar nicht mehr so eindeutige Gesundheitsgefahren, wie es noch vor 20 oder 30 Jahren durch asbesthaltige Isoliermaterialien, Holzschutzmittel und krebserregende Lösungsmittel der Fall war. Diese sehr gefährlichen Bau und Einrichtungsprodukte wurden dank des Themas Baubiologie durch andere ersetzt. Für gesundes Wohnen sind aber auch neue Produkte nicht unbedingt unproblematisch. Zum Beispiel finden sich in Wasserlacken häufig Glykolverbindungen als Lösungsmittel, die teilweise genauso giftig wie die herkömmlichen Lösungsmittel sind, gasen aber langsamer aus den behandelten Oberflächen aus und belasten die Räume so über Jahre hinweg. Bodenkleber, die diese Glykolverbindungen enthalten, sind teilweise als „lösemittelfrei” gekennzeichnet, weil die schwerflüchtigen Glykole nicht unter die allgemeine Definition für Lösungsmittel fallen. Neben den aus Bau- und Einrichtungsstoffen ausgasensen Chemikalien sind Stäube, Allergene und Mikroorganismen, vor allem Schimmelpilze, aber auch unzureichender Luftwechsel oder zu hohe Raumlufttemperaturen oft die Ursache von Gesundheitsbeeinträchtigungen der Bewohner.

Zudem kann durch energiesparende Renovierungsmaßnahmen wie mehr Dämmung und Abdichtung sowie neue Fenster die Frischluftzufuhr häufig unzureichend werden, was die genannten Probleme noch verstärkt. In Pressspanplatten, Sperrholz, Fertigparkett, Ortschäumen und Möbeln vor allem der 70er-Jahre lauert mit das bekannteste Wohngift, Formaldehyd, das verantwortlich für Reizungen der Augen und der Atemwege, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Asthma und Allergien gemacht wird; sogar der Verdacht der krebserregenden Wirkung scheint sich zu erhärten.

Aber es gibt noch eine Menge mehr an Schadstoffen. Viele davon gehören wie Formaldehyd zu den flüchtigen organischen Verbindungen (kurz VOC genannt, von „volatile organic compounds”). Um die kommt man nur herum, wenn man sich konsequent an wohngesunde Produkte hält.

Die Baubiologie

Die Baubiologie weist auf weitere Gründe für die Verschlechterung des Innenraumklimas hin. Diese sind die großzügige Verwendung von bedenklichen Farben, Montageschäumen, Ausbaumaterialien, Dichtmassen usw. durch Handwerker und Heimwerker. Die immer beliebter werdenden Kaminöfen werden bei unsachgemäßem Betrieb zur zusätzlichen Schadstoffquelle. Und die zunehmende Vernetzung unserer Wohnungen (mit und ohne Kabel), der Wunsch, Telekommunikation, Internet und Unterhaltungselektronik überall und jederzeit zur Verfügung zu haben, bringt mehr ESmog. Eine Menge Ansatzpunkte für Baubiologen, die Hausbesitzer und Bauherren beraten.

Für gesundes Wohnen werden zuallererst folgende Alternativen zu den emissionsstarken Bauprodukten empfohlen: Dämmstoffe aus Flachsfasern, die in den Tür- und Fensterlaibungen die Montageschäume ersetzen. Statt Formaldehyd ausgasender Mineralfaserdämmung nimmt man beispielsweise Holzfaser-Dämmmatten, statt PVC- oder Laminat-Bodenbelägen Dielen oder Massiv-Parkett, mit Öl und Wachs behandelbar. Ein Mindestmaß an Schutz vor Elektrosmog erreicht man, indem man wenigstens fürs Schlafzimmer und für die Kinderzimmer Netzfreischalter vorsieht. Strahlung von außen halten geerdete, mit Kohlenstoff beschichtete Gipsbauplatten ab.

Gesundes Wohnen mit Lehm & Holz

Lehm, der Baustoff aus der Grube ist in Sachen Feuchteausgleich spitze: Er nimmt Luftfeuchtigkeit in großen Mengen auf und gibt sie später an die trockenere Luft wieder ab. Schon Lehmputzschichten von nur wenigen Millimetern Stärke bringen einen merkbaren, wohltuenden Effekt. Im Zuge der Aufnahme und Wiederabgabe filtert das Material außerdem Schadstoffe aus der Luft. Dank der hohen Rohdichte speichert Lehm außerdem Wärme, was sich gerade im Hochsommer angenehm bemerkbar macht.

An den Wänden machen sich neu entwickelte Produkte wie farbige Lehmputze einfach gut, Naturfaserputze (Viskose, Hanf, Leinen) und Kalkputze, letztere alkalisch, daher schimmelresistent und zum Beispiel für den Keller bestens geeignet, werden für gesundes Wohnen immer öfter verwendet.

Nicht nur Allergiker wählen Farben, die auf Basis von natürlichen Bindemitteln wie Knochenleim oder Kasein und mit natürlichen Pigmenten hergestellt werden, die ohne Additive wie Topfkonservierer auskommen. Baubiologie besagt, dass Holzoberflächen möglichst nur mit Wachsen und Ölen behandelt werden sollten, so bleiben die Poren offen. Wichtig, wenn zum Beispiel der massive Parkett- oder Dielenboden auf den Dauereinsatz vorbereitet, aber nicht versiegelt werden soll. Denn damit wäre Schluss mit dem Feuchteausgleich, zu dem auch Holz in Maßen in der Lage ist. Linoleum, aus Kalk, Holz und Korkmehl, Leinöl, Harzen und Pigmenten bestehend, ist von sich aus äußerst robust und sogar antibakteriell. Teppiche aus Wolle brauchen übrigens keinen Mottenschutz durch die berüchtigten Pyrethroide – ein Extrakt aus dem indischen Neem-Baum tut’s auch.

Gesunde Möbel

Auch mit Möbeln kann man sich Giftmüll ins Haus holen. Sorgenkinder sind solche aus Span und Faserplatten, mit Kunststoffbeschichtungen und synthetischen Bezügen. Nicht erst im Brandfall gefährlich, wenn zum Beispiel aus schwelenden PVC-Folien Dioxine und Furane entweichen. Die Lösemittel in Klebern, Leimen, Farben, Lacken und Lasuren werden beständig und noch nach Jahren an die Raumluft abgegeben.

Unter den Haupt-Übeltätern sind VOCs wie  Toluol, Benzol, Styrol, und – last, but not least – das umtriebige Formaldehyd, erkennbar am stechenden Geruch. Gute Fachhändler und Einrichtungshäuser führen Artikel aus völlig oder weitgehend unbelasteten Materialien, mit den entsprechenden Prüfzeichen, außerdem Möbel aus Vollholz. Für gesundes Wohnen können Vollholzmöbel, wie massive Holzböden, sogar das Wohnklima verbessern, auch hier selbstverständlich vorausgesetzt, die Oberflächen werden lediglich mit Wachsen und Ölen behandelt.

PRAXIS-TIPP: Mögliche Altlasten in Gebäuden

Schimmelpilze: sichtbar oder verdeckt hinter Tapete, Holzverschalung oder abgehängter Decke

Formaldehyd: Pressspanplatten, Sperrholz, Fertigparkett, Ortschäume, Möbel vor allem aus den 70er Jahren; SH-Lacke, pflegeleichte Textilien, Tabakrauch.

Pestizide: Anstriche von Massivhölzern im Innenraum, Lederimprägnierung, Teppichböden, Latex, Mottenstreifen, Insektensprays, Elektroverdampfer z.B. Lindan

Flüchtige organische Verbindungen: Kleber, Lacke, Farben, Anstriche, Möbel, Bodenbeläge, Reinigungsmittel, Farbstifte, Abbeizmittel

Glykole: wasserlösliche Lösemittel in Klebern, Lacken, Versiegelungen, Beschichtungen, Glykolverbindungen sind häufig in Wasserlacken und- Klebern enthalten

Asbest: Dach- und Fassadenplatten bis ca. 1991, PVC- Bodenbeläge, Nachtspeicheröfen, Dichtungsschnüre an Öfen, Dichtungen und Klebemassen, Asbestpappe, Fliesenkitte bis Anfang der 80er Jahre

PCB (Polychlorierte Biphenyle): dauerelastische Dehnungsfugen vor 1978, Brandschutz, Kondensatoren, Drosseln, Trafos, Lacke, Weichmacher, technische Öle

PAK (Polyaromatische Kohlenwasserstoffe): Steinkohleteer (Teerestrich, Teerkleber, Teerpappe), Brände; kritisch sind Produkte vor allem aus den 50er und 60er Jahren; alte Bahnschwellen nicht wiederverwenden (auch wegen PCP), Teerkleber enthalten häufig auch Asbest!

Weichmacher: Zusatzstoff für PVC, Bestandteil von Wandfarben, Lacken, Klebstoffen, Kosmetika, Fußbodenbelägen, Vinyltapeten, Elektrokabeln, Türdichtungen, Kunstleder, Duschvorhängen, abwischbaren Tischdecken

Schwermetalle: Farbpigmente, ältere Holzschutzmittel, Stabilisatoren für PVC,
Fehlbodenschüttungen, PVC-Bodenbeläge, Teppichboden. Vorsicht bei Renovierungen im Altbau! Abbeizen schwermetallhaltiger Farben kann zu Vergiftungen führen!

Isocyanate: Kunststoffe auf Polyurethanbasis, formaldehydfreie PU-Spanplatten, DD-Lacke, Bodenversiegelung auf PU-Basis, PU-Schäume

Elektrosmog: Nahbereich (wenige Meter) von Elektrogeräten und Stromleitungen; niederfrequente Magnetfelder bauen sich bei Stromverbrauch auf; elektrische Felder existieren immer im Bereich von spannungsführenden Stromleitungen; hochfrequente Felder werden vor allem von Schnurlostelefonen abgestrahlt, aber auch im Nahbereich von Mobilfunk-Basisstationen.

Radon: Erdreich, Baustoffe (Bodenschüttungen, Granit, Fliesen, Ziegel); das natürlich vorkommendes radioaktives Edelgas diffundiert durch Kellerwände oder aus älteren Baustoffen in den Wohnraum

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