Schadstoffe in Innenräumen

Nicht nur außerhalb des Hauses sondern auch in den Innenräumen können üble Schadstoffe zu finden sein.

Schadstoffe in Innenräumen

Sick-Building-Syndrome“ – sprechen Baubiologen oder Umweltmediziner davon, haben sie nicht so sehr das kranke Haus im Sinn, sondern seine Bewohner. Der von der WHO geprägte Begriff steht seit gut 30 Jahren für ein ganzes Bündel an gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die man nur mit dem Aufenthalt in bestimmten Gebäuden befriedigend erklären kann, darunter diffuse Beschwerden wie chronische Müdigkeit, Benommenheit, Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, doch genauso gravierende, bleibende Schäden. Ursache ist in erster Linie mangelhafte Luftqualität in den Innenräumen. Dafür wiederum sind größtenteils moderne Baustoffe und Bauweisen verantwortlich. Die Liste der bedenklichen Baustoffe beziehungsweise der Schadstoffe ist beeindruckend lang.

Lang ist die Liste der Schadstoffe mittlerweile, dank des Erfindungsreichtums der Forscher und Entwickler in der Industrie, doch es handelt sich eher um die Spitze des Eisbergs, wenigstens laut Umweltbundesamt. Dessen Broschüre „Bauprodukte: Schadstoffe und Gerüche bestimmen und vermeiden“ liefert einen Überblick (als download auf www.umweltbundesamt.de oder telefonisch zu bestellen über 0 18 88/3 05 33 55). Verbote sind sinnvoll, doch finden Deutschland- und EU-weit aus dem Verkehr gezogene Problemstoffe auf Umwegen wieder zu uns. Hersteller von PVC-Bodenbelägen, deren Produkte im „ökotest“-Ratgeber Bauen, Wohnen & Renovieren schlecht wegkamen, führten die Belastungen zum Teil auf das verwendete Recycling-Material zurück.

Asbest & Minralwolle

Asbest, eine in der Natur vorkommende Mineralfaser, einst als unbrennbarer Dämmstoff geschätzt und unter anderem in Dachgeschossen und Nachtspeicherheizungen eingesetzt, entpuppte sich als echte Gefahr. Werden die feinen Fasern – mit Durchmessern im Bereich von Bruchteilen von Mikrometern –  eingeatmet, verletzen sie die Lungenbläschen, was deren vernarbung (Asbestose) zur Folge hat. Außerdem ist das Krebsrisiko hoch. Solange jedoch die Platten nicht unsachgemäß entfernt und keine dieser Nanonadeln freigesetzt würden, bestehe keine Gefahr, meint Marcel Schröder, Mitglied im Vorstand des DA, des Deutschen Abbruchverbandes e.V.

Dasselbe gilt laut Baubranchen-Dienstleister Competenza für die Fasern von vor circa 1998 verarbeiteter künstlicher Mineralwolle (KMF). Gleichfalls teilweise „lungengängig“ und potenziell krebserregend, nur nicht so aggressiv wie Asbest, seien sie keine Bedrohung, sofern die Dämmpackungen unter Verschluss blieben. Seit 1998 muss Mineralwolle „biolöslich“ sein – im Körper abbaubar.

Biozide

So ungesund Schimmel sein mag, man sollte den Teufel nicht mit dem Beelzebub austreiben. Etwa durch Biozide, wie sie in Anti-Schimmel-Spray, in Fugendichtmassen, aber auch vielen Holzschutzmitteln enthalten sind (z.B. Dichlofluanid). Sie greifen die Leber an und können Krebs erzeugen. Wollteppiche werden weiterhin mit Mottenschutz behandelt, oft den Pyrethroiden, wie Permethrin, das als Nervengift wirken kann. Verzicht und stattdessen regelmäßige Befallskontrolle kann die Alternative sein, oder rein pflanzliches Neempräparat, aus den Samen des indischen Neem-Baums. Auch Topfkonservierer in Wandfarben gehören in die Gruppe der Biozide (z.B. Isothiazolinon).

VOC – Formaldehyd / Lösemittel

Dank häufiger Erwähnung in der Ratgeber-Literatur sind die flüchtigen organischen Verbindungen mittlerweile bekannter unter der Kurzbezeichnung VOC, was für „volatile organic compounds“ steht.

Zu ihnen gehört das allgegenwärtige Formaldehyd.  Es reizt die Schleimhäute, die Augen, führt zu Kopfschmerzen, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, den „diffusen“ Beschwerden. Formaldehyd kann darüber hinaus in den Atemorganen zu Krebs führen, steht aber im Verdacht, generell kanzerogen zu sein. Hinzu kommt die sensibilisierende Wirkung: durch dauernde Irritation der Haut und der Atemwege entstehen in der Folge allergische Reaktionen auf andere Stoffe. Das Gas entweicht aus Versiegelungen, Klebern, Kunstharzen, daher aus fast allen Holzwerkstoffen, wie Spanplatten, Hartfaserplatten, aus Mineralwolldämmung. Zwischen 1965 und 1980 wurden stark belastete Spanplatten im großen Stil in Fertighäusern verbaut.

Zu den VOCs zählen auch Lösemittel wie Toluol und Xylol, und die etwa in Naturlacken enthaltenen Terpene, die zumindest sensibilisierend wirken und Allergikern Beschwerden bereiten können.

SVOC – PCP / Lindan / PAK / Phthalate

Bis Mitte der 1980er wurden Holzschutzmittel mit den Wirkstoffen PCP (Pentachlorphenol) und Lindan großzügig verstrichen, hauptsächlich zum Schutz des Dachstuhls vor holzzerstörenden Insekten und Pilzen. Zum Glück seltener in den Wohngeschossen, auf Wandpaneelen und Deckenverkleidungen. PCP, seit 1989 verboten, wurde die krebserregende Wirkung im Tierversuch nachgewiesen, für Lindan ist sie sehr wahrscheinlich; es schädigt zudem Nervensystem und innere Organe. Beide werden zu den mittel- bis schwerflüchtigen organischen Verbindungen gerechnet, den SVOC, vom englischen Fachbegriff „Semi Volatile Organic Compounds“, da sie nur langsam an die Umgebungsluft abgegeben werden.

Nicht nur in Zigarettenrauch, auch in bitumenhaltigen Produkten wie Dachdichtungsbahnen mit Steinkohleteer und vielen bis Ende der 1960er-Jahre verwendeten Parkettklebern sind die Polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK) enthalten, krebsauslösend und „fruchtschädigend“ ( = schädlich für ungeborenes Leben). Mit Teerklebern arbeiten Parkettleger heute nicht mehr, dafür entweichen PAK zum Beispiel aus PVC-Böden. Durch unvollständige Verbrennung in Stückgutheizungen oder das Verbrennen von dafür ungeeigneten Materialien können ebenso PAK entstehen und in die Raumluft gelangen. Sie führen zu Reizung der Atemwege und der Augen, einige sind krebserregend und fruchtschädigend.

Die Bodenbelägen aus PVC oder Vinyl-Tapeten zugesetzten Phthalate stehen als Weichmacher ebenfalls unter dem dringenden Verdacht, Krebs zu verursachen und fruchtbarkeitsschädigend zu wirken, dazu beeinträchtigen sie das Immun- sowie das Zentralnervensystem. Weichmacher sind ebenso in Acryl- und Silikonfugendichtmassen enthalten.

Alle diese SVOC lagern sich bevorzugt an Staubteilchen an.

MVOC – mikrobielle organische Verbindungen

Schließlich sind da noch die reinen Naturprodukte: Sporen, Zellreste sowie gasförmige Stoffwechselprodukte von Schimmelpilzen, zur Gruppe der mikrobiellen organischen Verbindungen gehörend, der MVOC, von „Microbial Volatile Organic Compounds“. Seit den späten 1990er-Jahren ist dank immer besserer Abdichtung der Haushülle das Schimmelproblem explosionsartig gewachsen, weil die Luftfeuchte nicht rechtzeitig abgeführt wird. Jeder zweite Neubau soll inzwischen betroffen sein, so der VPB, der Verband Privater Bauherren e.V.

Die negativen Auswirkungen sind vielfältig und noch lange nicht erschöpfend untersucht, angefangen bei Erkrankungen der Atemwege, etwa Bronchialasthma, bis zur allgemeinen Schwächung des Immunsystems. Schimmel in Neubauten ist meist auf mangelhafte Belüftung zurückzuführen sowie auf Baumängel: Wärmebrücken, undichte Stellen, falsch eingebaute Dämmung.

Radon

Radon hingegen ist ein radioaktives Gas, das in einigen Gegenden Deutschlands im Erdboden vorkommt, durch die Kellerwände in die Häuser gelangt und nachweislich Lungenkrebs verursachen kann. Laut Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) sollte ein Wert von 100 Becquerel pro Kubikmeter (Bq/m2) Raumluft nicht überschritten werden. Ein dichter Keller schützt recht gut, regelmäßiger Luftaustausch sollte dennoch erfolgen.

Kohlenmonoxid

Kohlenmonoxid ist ein Produkt unvollständiger Verbrennung von zum Beispiel Holz, weswegen mangelhaft konstruierte oder bediente Kaminöfen und Stückholzheizungen problematisch sein können.

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