Wärmeschutz dank Luftdichtheit

Mit warmer Raumluft, die durch Lecks in der Haushülle entweicht, verliert man Heizwärme und damit bares Geld. Sie macht dazu noch die Dämmung unwirksam und kann zu Schimmelbefall führen. Ohne lückenlose Luftdichtheitsschicht ist daher ein Haus nicht fertig.

Prof. Dr. Pettenkofer soll schuld sein. Angeblich hat der verdiente Forscher und Mediziner im 19. Jahrhundert die Vorstellung von den „atmenden Wänden” in die Welt gesetzt. Ob es wirklich so war, ist fraglich, jedenfalls ist sie seither nicht mehr wegzukriegen. Pettenkofer, Begründer der Hygiene-Wissenschaft, war der Meinung, die so dringend benötigte Frischluft könne auch durch die Wand ins Haus gelangen. Als man in der Folge feststellte, dass lediglich ein Feuchtetransport per Diffusion durch die Bausubstanz hindurch stattfindet, behielt man für diesen ebenso wichtigen Vorgang das irreführende Bild des Atmens bei. Mit dem Resultat, dass selbst heute noch Laien von Erstickungsangst befallen werden, sobald sie erfahren, dass sie „luftdicht” bauen müssen.

Dichtes Haus und Lüftung

In Paragraph 6, Abschnitt 1 der Energie-Einspar-Verordnung (EnEV) steht es: „Zu errichtende Gebäude sind so auszuführen, dass die wärmeüber­tragende Umfassungsfläche einschließlich der Fugen dauerhaft luftundurchlässig entsprechend den anerkannten Regeln der Technik abgedichtet ist.” Doch kein Grund zur Beunruhigung, Abschnitt 2 stellt gleich klar, dass „der zum Zwecke der Gesundheit und Beheizung erforderliche Mindestluftwechsel” sichergestellt sein muss. Gemeint ist der Austausch durch Fensterlüftung oder entsprechende Anlagentechnik. Freiwilliges Lüften ist in Ordnung, nur das unfreiwillige soll so weit wie möglich abgestellt werden. Genau das geschieht durch eine undichte Haushülle. Eine intakte Wand jedoch atmet nicht, und das ist gut so.

Unfreiwilliger Luftaustausch und seine Folgen

Der unfreiwillige Luftaustausch findet ja ausgerechnet dann statt, wenn man ihn am wenigsten gebrauchen kann, nämlich im Winter und an stürmischen Tagen. Das kostet teure Heizenergie, und diese „Lüftungsverluste” machen bei moderner Bauweise die Hälfte der Wärmeverluste aus (die andere geht aufs Konto der Abstrahlung – die „Transmissionswärmeverluste” kriegt man mit umfassender Dämmung recht gut in den Griff). Zieht es durch Ritzen, Fugen (Schwindfugen) und andere Lecks der Außenhülle, mindert das auch die Behaglichkeit; eindringende Kaltluft sinkt, da schwerer als die erwärmte, auf den Boden, bildet dort Kaltluftseen.

Darüber hinaus drohen Schäden: Für gewöhnlich wird unterschätzt, mit wie viel Wasser die Bewohner die Raumluft anreichern, allein durch so unschuldige Tätigkeiten wie Duschen, Baden, Kochen, Schwitzen. In einem Vier-Personen-Haushalt können das mehr als zehn Liter am Tag sein. Gelangt die warme, feuchtegesättigte Raumluft in die Wand, kondensiert das Wasser. Schnell nimmt das Isoliervermögen der Dämm-Materialien ab, der Heizenergieverbrauch steigt.


Beträgt überdies der Feuchtegrad der Dämmung, aber auch der hölzernen und mineralischen Bauteile dauerhaft über 20 Prozent, werden sie zu idealen Nährböden für Schimmelpilze. Für den Schimmelbefall wird dann in der Regel die Dämmung verantwortlich gemacht, von „Dämmwahn” ist die Rede. Durch die Undichtigkeiten dringen Pilzsporen sowie im Dämmstoff eventuell enthaltene Schadstoffe in die Räume. Und dazu der Lärm der Umgebung, außerdem im Sommer heiße, feuchte Luft. Mitsamt Wohngesundheit, Schall- und Hitzeschutz gibt es also mehr als genug Gründe, dicht zu machen.

Wärmebrücken vermeiden

Pettenkofers Irrtum ist insofern verständlich, als eine Ziegelmauer durchaus luftdurchlässig sein kann. Ist sie aber flächendeckend verputzt, hat es sich mit der Durchlässigkeit. Wird gemauert, egal ob mit Hochlochziegeln, Kalksandsteinen, Porenbeton- oder Betonsteinen, muss daher lückenlos Putz aufgetragen werden. Fugenlose Betonbauteile gelten als luftdicht. Im Holzrahmen- und Holztafelbau muss dagegen mit Dampfbrems- oder Dampfsperr-Folien, Baupapier oder mit Bauplatten abgedichtet werden, mit OSB-, Gipskarton-, Gipsfaser- oder Lehmbauplatten. An den Überlappungen beziehungsweise den Fugen ist mit Tackern, Klebern, Fugenmasse, Dichtbändern oder Mörtel für den einwandfreien Abschluss zu sorgen.

So kompliziert wie es klingt, ist es leider oft auch. Besonders heikel sind die Übergänge zwischen den Bauteilen, zwischen Laibung und Fensterrahmen, zwischen Türlaibungen und Türzargen, von Giebelwand und Kniestock zum Dach, dann die Durchbrüche und Durchdringungen für Abgasrohre, Sani­tärleitungen, Strom- und Telekommunikationsanschlüsse, auf dem Dach die Durchdringungen von Balken, Sparren und Pfetten durch Dachhaut und Wände. Dennoch zu schaffen, dank zahlreicher Spezialprodukte, etwa Manschetten, die die Durchdringungen von Sanitärrohren und Kabeln passgenau umschließen, oder Dichtbändern für Fenster- und Türmon­tagen, vorgeknickten Klebebändern für die Ecken.

Luftdichtheitsschicht mit Mängeln

Irgendwie allerdings scheint das Abdichten den Ausführenden noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. 2010 hat das IPB, das Institut Privater Bauherren e.V. Bauberater zu über 5.000 Neubauprojekten befragt und festgestellt, dass gut 30 Prozent die EnEV-Anforderungen nicht erfüllten, weil der Wärmeschutz und Abdichtung bewusst vernachlässigt wurden oder weil geschludert wurde.

Dies deckt sich mit Beobachtungen, die Fachleute landesweit machen: Es werden korrekt angebrachte Luftdichtheitsschichten beim Legen von Kabelverbindungen oder Sanitärleitungen wieder zerstört. Zum Beispiel werden Steckdosen in anstatt vor die Luftdichtheitsschicht gesetzt. Dampfbrems-Folien werden mit ungeeigneten Klebebändern verbunden; die Klebestellen sind nicht staubfrei oder werden zu früh belastet, vor dem Abbinden. Im Massivbau finden sich unverputzte Mauerabschnitte hinter Leitungen, weil der zweite Schritt vor dem ersten getan wurde. Roll­ladenkästen werden häufig fehlerhaft eingebaut oder sind bereits ab Werk Luftlecks.

Manchmal wird das Abdichten schlicht vergessen. Energieberater werden deswegen nicht müde zu betonen, dass diese Arbeit, die keinem der klassischen Gewerke zuzuordnen ist, geplant werden muss. Architekt oder Bauunternehmer müssten sie in den Bauablauf integrieren und sie über­wachen. Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass laut IPB-Untersuchung um eine höhere Effizienzklasse zu erreichen in einigen Berechnungen ein Blower-Door-Test angegeben war, welcher nie stattge­funden hatte. Er hätte die Schlamperei gnadenlos ans Licht gebracht.

Passivhaus als Vorbild

Keiner hat das Abdichten so früh so ernst genommen wie die Passivhaus-Planer. Ihr Konzept eines Wohnens ohne Heizung setzt weitgehende Vermeidung von Transmissions- und Lüftungsverlusten voraus, für den Komfort sorgt eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung. Damit das funktioniert, darf die Außenluft nur eine Möglichkeit haben, ins Gebäude zu gelangen, und zwar über die Ansaugstutzen der Anlage. Folglich nehmen Passivhaus-Planer es mit der Dichtheit besonders genau, haben als Erste den Blower-Door-Test eingesetzt. Der sollte im Neubau generell durchgeführt werden (selbst wenn er nur bei Einbau einer Wohnungslüftung zwingend vorgeschrieben ist), und zwar durch ein unabhängiges Unternehmen, nicht durch den Bauunternehmer oder die Ausführenden. Doch schon während der Bauphase kann ein ebenfalls unabhängiger Gutachter die Bauüberwachung übernehmen.

Für die Änderungen am Haus, die man später selber vornimmt, kann man Architekten, Hersteller oder Ausführende nicht verantwortlich machen. Etwa falls man nachträglich einen der so beliebten Kaminöfen einbaut. Natürlich muss es ein zum Wohnraum hin absolut dichter und raumluftunabhängiger sein, aus dem kein Kohlenmonoxid entweichen kann. Für die korrekte nachträgliche Durchführung des Abgasrohres durch die Hauswand gibt es die passenden Spezialprodukte.

Atmobild: Velux. Im Windtunnel müssen die Fenster beweisen, ob und bis zu welcher
Windstärke sie dichthalten. 

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