Viele Fachleute machen sich immer wieder Gedanken, wie wir in Zukunft wohl wohnen werden. Ob das direkt das Bauen heute beeinflusst, darf jeder selbst entscheiden.

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Neuer Trend zum Wohnen

Trendforscher können Trost spenden. Hat sich eine ganze Generation im Verdacht, zu Spießern geworden zu sein, weil es sie wieder in die Schrebergärten zieht, beruhigen die Experten. Nein, Spießer seien sie nicht, sondern ökologisch denkende, verantwortungsbewusste Konsumenten mit Familiensinn. Sie täten nichts weiter, als LOHAS zu praktizieren, den „Lifestyle of Health and Sustainability“, und das in bester Gesellschaft, zu der George Clooney mit seinem Hybrid-Auto gehöre, oder Leonardo DiCaprio, in seiner New Yorker Luxuswohnung mit Nachhaltigkeits-Siegel.

Sesshaft, gemütlich, entschleunigt

Einige der professionellen Visionäre sehen die Rückkehr zum Soliden en detail. Li Edelkoort, eine Koryphäe der Szene, hält es zum Beispiel für „ein(en) großen Fehler in der Planung“, wenn Wohnungen ohne Küche gebaut werden. Makler und Bauträger zielen damit auf gut verdienende Wirtschaftsnomaden, die vom Büro oder vom Meeting gleich ins Drei-Sterne-Restaurant wechseln. Doch allgemein gehe es in Richtung Sesshaftigkeit, es werde wieder mehr Kinder geben, das menschliche Miteinander werde sich zunehmend in der Küche abspielen. Meint auch Harry Gatterer, Referent am bekannten Zukunftsinstitut in Kelkheim bei Frankfurt. Viele neue Formen des Zusammenlebens seien neben die traditionelle bürgerliche Familie getreten, und doch wollten die es ebenso gemütlich und vertraut, eben häuslich.

Wissenschaftler sammeln weltweit fleißig Fakten zu Lebenseinstellungen und zum Konsumverhalten und haben eine gesellschaftliche Entwicklung dingfest gemacht, die eine Erklärung liefern könnte. Mit dem Begriff „slow living“ bezeichnen sie Geoffrey Craig und Wendy Parkins, Medienwissenschaftler an der Murdoch University im australischen Perth. Eine Antwort auf die Zumutungen der globalisierten Welt. Angefangen hat es vor Jahrzehnten mit der Slow-Food-Bewegung, dem Gegengift gegen Fastfood, dann wurden ganze Städte planmäßig entschleunigt, Autos und Schnellrestaurants mussten draußen bleiben. Längst habe sich diese Haltung, dieses Denken auf alle Lebensbereiche ausgeweitet.

Zurück nach vorne?

John Brown, Architektur-Professor im kanadischen Calgary, versucht, Bauherren und Kollegen für die Idee des – wörtlich übersetzt – „langsamen Hauses“ zu gewinnen. Brown bezieht sich ausdrücklich auf die Slow-Food-Bewegung. Seine Website www.theslowhome.com macht die modernen Bausünden zum Thema: schnell und vergänglich, ohne Bezug zur Umgebung, ohne Rücksicht auf die Umwelt hochgezogen. Und will mit positiven Gegenbeispielen dazu anregen, als Kunde und Auftraggeber in Sachen Raumerlebnis, Wohngesundheit, Nachhaltigkeit und Werthaltigkeit hohe Ansprüche zu stellen. Mit lebenswerter Umwelt seien bereits die vier Wände gemeint.

Auf unserer Seite des Großen Teichs wird da reflexartig der Antiamerikanismus hervorgeholt, der vor Kanada nicht Halt macht. Sieht man doch immer im Fernsehen, sobald dort wieder ein Hurrikan gewütet hat, dass die nur Bretterbuden können. Leider aber hat die Entdeckung der Schnelligkeit auf den Baustellen auch bei uns zu merklichem Qualitätsverlust geführt. Schimmelalarm zwei Wochen nach dem Einzug, weil das Gebäude nicht austrocknen konnte, kalter Luftzug aus den Steckdosen, das sind Erfahrungen nicht weniger frisch gebackener Hausbesitzer. Solide alte Bausubstanz kennt solche Probleme nicht, weiß der im Umgang mit ihr Erfahrene. Gerade Bürgerhäuser aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert überraschen darüber hinaus mit ihrer Wandlungsfähigkeit, die Grundrisse erlauben unkomplizierte Umnutzung und Zimmertausch. Die Baustoffe sind schadstofffrei und eines (fernen) Tages einfach zu entsorgen oder wiederzuverwerten. Während die in den letzten fünfzig Jahren verwendeten Bauteile und Baustoffe aus mehreren Komponenten nur mit großem Aufwand aufzubereiten sind. Zurück nach vorne? Selbstverständlich kann „billig und schnell“ keine Antwort auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sein, doch die hochgelobten Gründerzeithäuser haben ein entscheidendes Manko, und das ist ihr Energieverbrauch. Ihre Wärmeisolierung ist mangelhaft, sie stammen aus einer Zeit, in der geheizt anstatt gedämmt wurde. Sogar ein den Mindestanforderungen entsprechender Neubau kommt mit einem Bruchteil ihrer Energiezufuhr aus.

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