100 Jahre Bauhaus - Interview

Wir fragten bei Christian Bodach, Geschäftsstellenleiter von 100 Jahre Bauhaus, nach, wie das Bauhaus heute unseren Alltag prägt. 

Bauhaus damals und heute

2019 feiert Bauhaus 100. Geburtstag. Zum kreativen Output gehören puristische Häuser und Möbelstücke. Heute dient Bauhaus auch als Inspirationsquelle für den Fertighausbau. Bauhaus kombiniert Kunst und Handwerk. „Architekten, Maler und Bildhauer müssen die vielgliedrige Gestalt des Baues in seiner Gesamtheit und in seinen Teilen wieder kennen und begreifen lernen, dann werden sich von selbst ihre Werke wieder mit architektonischem Geiste füllen, den sie in der Salonkunst verloren", schrieb Walter Gropius 1919 in seinem Bauhaus-Manifest. Das Erkennungsmerkmal: Die Form folgt dem Verwendungszweck, der Materialeigenschaft sowie der Fertigungsmethode.

Aber Bauhaus ist mehr als das: es ist eine Denkweise, ein Lifestyle. Obwohl das Bauhaus auf eine relativ kurze Geschichte zurückblickt, beeinflusst der Stil noch heute die moderne Architektur – und zwar weltweit. 1919 in Weimar von Walter Gropius gegründet, zog die Hochschule für Gestaltung sechs Jahre später nach Dessau. 1933 wurde sie von den Nationalsozialisten geschlossen. Am Ende bestand Bauhaus also lediglich 14 Jahre. 

In dieser relativ kurzen Zeit revolutionierte das Bauhaus künstlerisches Gestalten und Denken weltweit. Bis heute sind die Ideen der damals wirkenden Künstler tief in unserem Alltag verwurzelt. Die Spuren lassen sich in einer der zahlreichen Jubiläumsausstellungen entdecken, wie zum Beispiel in den neu gebauten Museen in Weimar (ab 6. April) und Dessau (ab 8. September). Wir wollten von Christian Bodach, Geschäftsstellenleiter von 100 Jahre Bauhaus, wissen, was Bauhaus eigentlich genau ist und wo die bedeutendsten Gebäude stehen. 

Interview: "Das Bauhaus polarisierte von Anfang an"

Bauhaus feiert 2019 sein 100. Jubiläum. Was würden Sie dem Gründer, Walter Gropius, gerne sagen?
Christian Bodach: Man sollte ihm für seine großartige Idee danken, so viele unterschiedliche Kreative an einem Ort vereint zu haben – deren Inspirationen und Kreationen bis heute wirksam, aktuell und von einzigartiger Bedeutung sind. Ohne diese und ihren bahnbrechenden Einfluss sähen unsere Städte heute anders aus, unsere Küchen und Wohnzimmer und wohl auch viele andere Dinge. Die Bedeutung seiner Idee für unsere Zeit spiegelt sich auch in hunderten Veranstaltungen im Jubiläumsprogramm wider.

Was zeichnet den Bauhaus-Architekturstil – abgesehen vom typischen Flachdach – aus?
Das Bauhaus war sehr vielschichtig. Es als einen einheitlichen „Stil“ zu betrachten, würde dieser Vielfalt nicht gerecht werden. Auch wenn heute mit dem Begriff Bauhaus gemeinhin eine moderne, sachliche Architektur und eine auf das wesentliche reduzierte, funktionale Gestaltung verbunden wird. Das Bauhaus verstand sich zwar als richtungsweisend, wollte aber keinesfalls einen eigenen zwingend einheitlichen Stil kreieren. Es war auch ein Ort für die verschiedensten Ideen – und vor allem die lebendige Auseinandersetzung darüber. 

Unterschiede zwischen Weimar, Dessau und Berlin

Das Bauhaus war stark von seinen drei Direktoren geprägt. Jeder von ihnen schuf sozusagen sein eigenes Bauhaus:

  • Walter Gropius (1919-1928)
  • Hannes Meyer (1928-1930)
  • Ludwig Mies van der Rohe (1930-1933)

In seinem Bauhaus-Manifest von 1919, das in Weimar entstand, forderte Walter Gropius das Zusammenspiel von Kunst und Handwerk. Ziel der Ausbildung war ein „Einheitskunstwerk“, das alle Werkstätten einband. Erst nach und nach setzte sich eine pragmatisch-funktionale Haltung am Bauhaus durch. Zahlreiche Designklassiker wie die Bauhaus-Leuchte von Jucker und Wagenfeld oder die Bauhaus-Wiege von Peter Keler sind hier entstanden.

In Dessau, einer damals aufstrebenden Industriestadt, fand das Bauhaus im Anschluss an die Anfangsjahre in Weimar ideale Bedingungen zur Gestaltung von Vorlagen für die industrielle Massenproduktion. Daraus entstanden Produkte und Bauten, die das Bild des Bauhauses bis heute prägen – von Marcel Breuers Stahlrohrmöbeln über Marianne Brandts Aschenbecher bis hin zum Stahlhaus.

Hannes Meyer rückte schließlich ab 1928 den sozialen Anspruch des Bauhauses in den Fokus. Ihm ging es vor allem um die Frage, wie gut gestaltete Produkte und Bauten so geschaffen werden können, dass sie für alle erschwinglich sind. Unter Ludwig Mies van der Rohe als dritten Direktor wiederum wurde der Vorkurs abgeschafft und die Werkstattarbeit reduziert. Architektur, konstruktive Logik und räumliche Freiheit rückten in den Fokus.

Was haben die Menschen zwischen 1919 und 1933 mit Bauhaus verbunden?
Das Bauhaus polarisierte von Anfang an. Für die einen war es eine Schule der Avantgarde, die tradierte Werte und Normen hinterfragte und radikal Neues schuf. Andere, rechte Strömungen hingegen verfemten das Bauhaus als „kulturbolschewistisch“. Auf jeden Fall war das Bauhaus schon zu seiner Zeit sehr bekannt und bedeutend – und ist nicht erst eine Wiederentdeckung späterer Jahre.

Fällt Ihnen eine besondere Anekdote aus der Bauhaus-Historie ein?
"Wenn du nicht artig bist, kommst du ins Bauhaus!", mahnten Eltern ihre ungezogenen Kinder seinerzeit in Weimar. Denn mit ihren Freikörperübungen im Ilmpark, den Umzügen, in denen Studenten verkleidet durch die Straßen zogen, fielen die Bauhäusler schon ein wenig aus dem noch bürgerlich geprägten Rahmen dieser Zeit.

Erst Weimar, dann die Welt: Wo findet sich Bauhaus-Architektur heute?
Das Bauhaus und die Moderne haben in ganz Deutschland Spuren hinterlassen: von den drei Bauhausorten Weimar, Dessau und Berlin bis hin zu exemplarischen Bauten der Nachkriegsmoderne in Ost und West. Mehrere Bauhaus-Bauten zählen inzwischen zum UNESCO-Welterbe. Durch 100 Jahre Architekturgeschichte führt die Grand Tour der Moderne, die anlässlich des Bauhaus-Jubiläums konzipiert wurde. In ganz Deutschland gilt es dieses noch junge kulturelle Erbe des Bauhauses und der Moderne zu entdecken. Die Auswahl zeigt, dass die Moderne keineswegs ein Phänomen der Städte war.

Haben Sie ein persönliches Lieblingsgebäude?
Das Wohnhaus von Walter Gropius in Lincoln, Massachusetts unweit von Boston. Interessanterweise errichtete Gropius sein letztes eigenes Haus aus Holz. Die Einrichtung ist fast vollständig erhalten: Vom Kleid seiner Frau Ise bis hin zum Original des Direktoren-Schreibtisches, den Gropius von Weimar über Dessau mit in die USA nahm.

  • Im Kontrast zur weißen Fassade des Hauses stehen die Balkone in dunkelgrau sowie die grau gerahmten Fenster. Foto: Heinz von Heiden
  • Mehrere Stilelemente weisen bei diesem Fertighaus auf den Bauhausstil hin, u. a. das Flachdach, der weiße Putz und die großen teilweise bodentiefen Fensterflächen. Foto: WeberHaus
  • Schlicht und elegant: Fertighaus im Bauhaus-Look. Foto: Kern-Haus

Was sagen Sie zur Kritik, die Bauhaus-Architektur trage oft zur Unwirtlichkeit heutiger Städte bei?
Das Bauhaus als Schule hat Antworten auf gestalterische Fragen seiner Zeit gesucht und auch gefunden. Im Mittelpunkt stand dabei immer der Mensch. Dieses Maß ist vielen städtebaulichen Entwicklungen der späteren Jahre abhandengekommen, was sicherlich auch eine Folge der Industrialisierung des Bauens war.

Welche Auswirkungen hat Bauhaus heute noch auf unseren Alltag?
Der Anspruch der Bauhäusler, Kunst wie Lebenswelt zu reformieren, hat unser Verständnis von Gestaltung und Architektur nachhaltig geprägt und erzählt zugleich eine weltweite Verflechtungsgeschichte. Ihre Idee von einem Zusammenschluss aller Künste gibt bis heute wichtige Impulse. Ihr funktionalistisches Credo hat geholfen, die Dinge und ihr Wesen und ihre Bestimmung neu zu ergründen. Die kooperativen Haltung als Grundlage hierfür, kann uns heute immer noch als Vorbild dienen.

Bauhaus: Kurze Geschichte

Die 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründete Kunstschule unterrichtete die Bereiche Kunst und Handwerk nicht separat, sondern verstand sie als Einheit. Als Lehrer wurden herausragende Persönlichkeiten der internationalen Kunstszene engagiert, darunter die bekannten Maler Wassily Kandinsky und Paul Klee. 

Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten wurde 1925 der Umzug nach Dessau beschlossen. 1930 übernahm der Architekt Ludwig Mies van der Rohe die Leitung. Er verfügte, dass sich jeder Student bereits auf der zweiten Stufe mit den technischen Grundlagen des Bauens befassen durfte und die anderen Werkstätten nun nicht mehr durchlaufen musste. Damit wurde das Bauhaus zur Architekturschule.

Nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, wurde im Herbst 1932 das Ende von Bauhaus in Dessau eingeläutet. In Berlin wurde das Bauhaus als private Schule weitergeführt. Doch nach nur einem Semester holte die Politik das Bauhaus auch in Berlin ein: Wahrscheinlich untergeschobene „kommunistische“ Zeitschriften gaben den Anlass, die Schule zu schließen. Mehr über die Bauhaus-Geschichte. Foto: Lucia Moholy, 1927, Bauhaus-Archiv Berlin © VG Bild-Kunst Bonn 2018

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