Flachdach à la Bauhaus

Das Bauhaus ist eng mit dem Flachdach verbunden. Zum kubischen Bauhausstil gehört das geradlinige horizontale Dach. Allerdings ist ein Flachdach nicht etwa die einfachere Dachform – im Gegenteil: Das Flachdach ist anspruchsvoller als ein Steildach. Flachdächer erwiesen sich als die Schwachstelle vieler 70er-Jahre-Bungalows, weil Material- oder Verarbeitungsfehler keine dauerhafte Dichtigkeit garantieren konnten. Das ist heute ganz anders – auch wenn ein Flachdach immer noch eine anspruchsvolle Sache ist.

Trend zum Flachdach?

Schlägt man Architektur- und Bauzeitschriften auf, kann man den Eindruck gewinnen, jeder zweite Neubau entsteht als Kubus. Entspricht das der Realität oder ist das nur der Vorliebe der Medien geschuldet?

Viele Branchenexperten sehen derzeit keinen eindeutigen Trend zum Flachdach. Die überwiegende Mehrheit der Bauherren entscheidet sich nach wie vor für ein Sattel- oder Pultdach – durchaus in moderner Architektur.

Vielerorts entgehen die Bauherren damit auch einer Ablehnung durch die Behörden, die sich eher zurückhaltend bei der Genehmigung von Flachdächern zeigen. Die Dachform passe nicht in die ortsüb­liche Bebauung: Solche oder ähnliche Ablehnungsgründe können zu langwierigen Diskussionen mit den ­Bauämtern führen – bei ungewissem Ausgang.

Grundsätzlich müssen sich Bauinteressierte aber erst einmal für eine Bauweise entscheiden, dann wird mit der ­Architektur, dem Grundriss und natürlich auch der Dachform gespielt. Zweifelsohne lässt sich mit einem Flachdach die auf dem Grundstück vorgesehene Geschossigkeit am ­besten ausnutzen, denn schräge Wände im Obergeschoss gibt es nicht. Allerdings kann auch bei Steildächern durch einen hohen Kniestock – soweit erlaubt – ein ähnlicher Raumgewinn erzielt werden.

Das Flachdach ist generell eine aufwendigere Konstruktion, auch und gerade wegen Herausforderung, das Eindringen von Feuchtigkeit zu vermeiden. Zu den Wohnräumen hin leistet dies eine Dampfsperre. Sie verhindert, dass Wasserdampf, der beim Kochen, Duschen etc. entsteht, bis in die Dämmung eindringen kann und dort kondensiert. Der Taupunkt in der Dachkonstruktion kann genau berechnet werden. Da es sich bei der eingesetzten Dämmung um wenig saugendes Material handelt, würde sich im Schadensfall die Feuchtigkeit aber nicht verteilen, sondern punk­tuell austreten und sofort auffallen.

Zur Dachoberseite schließt eine wasserführende Absperrschicht den Aufbau dicht ab. Hier muss sichergestellt sein, dass zum Beispiel durch Windsog keine Beschädigung der Folie eintritt. Statt einer Kiesschicht, die sehr schwer ist, erfolgt eine mecha­nische Befestigung der Dachabdichtung. Entwässerungspunkte werden abhängig von der Größe der Fläche des Dachs berechnet und eingerichtet, außerdem verfügt jedes Flachdach über Notentwässerungen zur Sicherheit.

Mit der Übergabe des Hauses er­halten die Bauherren bei vielen Hausherstellern auch Pflegehinweise für ihr Flachdach. Je nach Baumbestand sollten die Abläufe von Laub befreit werden, wenn dieses nicht ohnehin durch den Abfluss gespült wird.

Wirklich aufwendig und pflegeintensiv ist ein Gründach, da hier noch Pflanzenschnitt und -pflege erforderlich ­werden. Ob steil oder flach – auf die Gewährleistung seitens des Haus­­bau­unternehmens hat die Dachform ­keine Auswirkung (30 Jahre Garantie auf die Grundkonstruktion, 5 Jahre Gewährleistung nach BGB). Sollten nach außergewöhnlichen Wetterereignissen Schäden auftreten, handelt es sich genauso um Versicherungsfälle wie beispielsweise bei ­Hagelschäden an einem Ziegeldach.

Flachdach vs. Satteldach

Zehlendorfer Dächerkrieg

Im Südwesten Berlins entbrannte Ende der 1920er Jahre ein Architekturstreit, der als "Zehlendorfer Dächerkrieg" in die Geschichte einging. Zwischen 1926 und 1931 entstand die Großsiedlung Onkel-Toms-Hütte. Finanziert wurde das Bauprojekt von der Gemeinnützigen Heimstätten-, Spar- und Bau-Aktiengesellschaft (GEHAG). Unter der Federführung der Architekten Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg entstanden 1.100 Geschosswohnungen und 800 Einfamilienhäuser inklusive Gärten im klaren, modernen Stil der klassischen Moderne. Das Ziel: Bezahlbare Mietwohnungen und Reihenhäuser mit flachen Dächern. 

Doch die bunten Häuserfassaden waren den Nationalsozialisten, die gerade an die Macht kamen, ein Dorn im Auge. Sie diffamierten das Projekt als "Papageiensiedlung". In direkter Nachbarschaft entstand ab 1928 eine Art architektonischer Gegenpol, finanziert von der Gemeinnützigen Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten (Gagfah). Die sogenannte Versuchssiedlung Am Fischtal orientierte sich an traditioneller Bauweise. Die für den modernen Bauhaus-Stil typischen Flachdächer wurden gegen Steildächer ausgetauscht. Voraussetzung für die teilnehmenden Architekten unter der Leitung von Heinrich Tessenow war die Verwendung traditioneller Dachformen. Und so entstand eine Reihe von kleinen Einfamilienhäusern und Wohnungen mit Satteldächern.

Der Architekturstreit hatte nicht nur ästhetische, sondern nicht zuletzt auch politische Hintergründe. Während das Flachdach für den modernen Bauhausstil stand, war das Spitzdach Ausdruck eine konservativen Einstellung. Foto: Getty/aydinmutlu

Starke Beanspruchung des flachen Dachs

Flachdächer sind enormen Umwelteinflüssen ausgesetzt und gehören damit zu den am stärksten beanspruchten Bauteilen. An erster Stelle steht der Schutz vor Feuchtigkeit: Niederschläge von außen, Wasserdampf und Kondensat von der Raumseite. Die Abdichtung muss ­außer extremen Temperaturschwankungen auch Hagel, Eisbildung und UV-Strahlung aushalten.

Zudem kann es auf der Dachfläche zu Schmutzablagerungen und ­schädlichem Bewuchs kommen. Nicht zu vergessen die mechanischen Belastungen durch Gebäudebe­wegungen, Windsog und Begehung oder Nutzung der Flächen. Wenn die Flachdachabdichtung diesen ­Belastungen nicht dauerhaft ge­wachsen ist, sind Schäden und Undichtigkeiten die ­Folge.

Wasser schnell ableiten

Als Flachdächer gelten Dachkonstruktionen mit einem Gefälle bis zu 10 Grad. Je geringer die Neigung, desto akribischer muss auf den ­Wasserablauf geachtet werden, ­stehendes Wasser und Pfützen­bildung sind zu vermeiden. Auch wenn gutes Abdichtungsmaterial ­keine Durchfeuchtung zulassen ­würde, sollte bei einem Flachdach immer ein Gefälle und kurzer Weg zur Entwässerung eingeplant werden. Im Notfall kann auch eine Gefällewärmedämmung, passend auf das Dach zuge­­schnitten, diese Aufgabe übernehmen.

Flachdachkonstruktion als Kaltdach oder Warmdach

Es gibt drei grundsätzliche Bau­weisen für Flachdächer: das Warmdach und Umkehrdach ohne Belüftungsebene sowie das Kaltdach mit Belüftung. Beim früher vorzugsweise ausgeführten Kaltdach befindet sich zwischen der oberen Abdichtungschale und der unteren Wärmedämmschale ein von außen belüfteter Dachraum, in dem Luft zirkulieren kann. So kann eingedrungene Feuchtigkeit leicht abgeführt werden. Kaltdächer er­reichen einen besseren sommerlichen Hitzeschutz als Wärmdächer.

Das Warmdach überzeugt durch ­hohe Dämmwirkung während der kälteren Jahreszeit. Bei ihm gibt es keine Luftschicht, eine kompakte Schichtenfolge schützt die Wärmedämmung. Zum Raum hin sorgt eine Dampfsperre dafür, dass kein Wasserdampf aus der Raumluft in die ­Wärmedämmung eindringen kann. Die Qualität eines Warmdachs hängt von der luftdichten Verlegung der Dampfsperre ab. Die Wärme­dämmung muss hier trittfest sein.

Beim Umkehrdach kehrt man die ­Reihenfolge um. Hier erfolgt die Abdichtung vor der Wärmedämmung, als Dämmung kommt dann nur ­wasserresistentes Material infrage. Die Tragschicht besteht in der Regel entweder als Gerippekonstruktion aus Holz bzw. Stahl oder als massive Decke aus Stahlbeton oder beispielsweise Poren­beton.

Konstruktionsarten bei Flachdächern

  • 1 Tragkonstruktion, 2 Wärmedämmschicht, 3 Lattung für Distanz, 4 Durchlüftung, 5 Tragkonstruktion für Abdichtung, 6 Trennschicht, 7 Schutzschicht.Das geforderte Gefälle ist in der Tragkonstruktion oder in der Lattung auszuführen.
  • 1 Tragkonstruktion, 2 Luftdichtung/Dampfbremse, 3 Wärmedämmschicht, 4 Trennschicht, 5 Schutzschicht (z. B. Kies). Das geforderte Gefälle ist in der Tragkon­struktion oder in der Wärmedämmschicht auszuführen.
  • 6 Kiesschicht, 5 Vlies, 4 Dämmung, 3 Abdichtung, 2 Trennschicht, 1 Tragkonstruktion

Holzbau ist flexibel

Für den bauphysikalisch durchaus ­anspruchsvollen Holzbau muss die Dachneigung mindestens zwei Grad betragen, um Staunässe zu ver­hindern. Die Ausführung erfolgt entweder als mehrschaliger Aufbau mit Belüftung in der Ebene der Tragkonstruktion (wie beim typischen Kaltdach) oder mit Volldämmung und einer zusätzlichen Lüftungs­ebene unter der Dachhaut. Die Tragschale ist als geschlossenes Holz­tafelbauelement vorproduzierbar. Alternativ: nicht belüftete, einscha­lige Konstruktionen (typisches Warmdach) mit Dämmung in der Ebene der Tragkonstruktion und/oder mit Dämmung oberhalb der Tragkonstruktion.

WeberHaus, einer der führenden Holzfertighaushersteller, führt seine Flachdächer in der Art eines Warmdachs, also unbelüftet aus und schließt mit einer Kiesschüttung ab. Eine Aufdachdämmung sieht man hier zur Vermeidung von Konden­satbildung als unabdingbar. Als ­Vorsichtsmaßnahme wird bereits während der Bauphase das Eindringen von Feuchtigkeit in das Bauteil durch eine vorübergehende Abdichtung ausgeschlossen.

Besonderes Augenmerk legt man bei WeberHaus auf die Entwässerung der Dachfläche. ­Jedes Flachdach hat zu den jeweiligen Entwässerungspunkten ein Gefälle von zwei Prozent, um sicherzustellen, dass das Wasser permanent abläuft. Um die Dichtigkeit des Dach zu überprüfen, bietet WeberHaus einen Test (Rauchgasverfahren) an. Eingefärbter Rauch wird eingeblasen und würde, im Fall von Leckagen, sichtbar aus­treten. Auf die tragende Konstruk­tion des Flachdachs erhalten Bauherren bei WeberHaus eine 30-jährige ­Garantie, auf alle weiteren Gewerke wie Abdichtung, Verblendung etc. ­eine fünfjährige.

Tipps vom Profi

Flachdach in Massivbauweise

Florian Spieß, Architekt und Ytong-Bausatzhauspartner aus Berlin, ­entscheidet mit seinen Kunden gemeinsam abhängig vom jeweiligen Bauvorhaben über die Ausführung. „Es gibt eigentlich keine wirtschaft­lichen Gründe für oder gegen ein Flachdach – es ist Geschmacksache“, betont der Fachmann. Die Nutzung ist vielfältig, ob als Terrasse oder für die Aufstellung von Solar- oder PV-­Anlagen, die hinter einer hohen ­Attika geschickt versteckt werden können. Die Attika ist der umlaufende Rand, der über das Flachdach ­hinausragt.

Als unbelüftetes Dach gibt es eine flach ausgeführte Decke aus tragenden Porenbetondach­elementen, darauf Dampfsperre, ­Gefälledämmung und Abdichtung. „Multipor“ als Dämmung kann relativ einfach auf oder auch unter eine Ytong-Massivdecke geklebt werden. In diesem Fall plädiert Spiess für ­einen Verzicht auf die Dampfsperre. Denn dann wäre im unwahrschein­lichen Fall einer Leckage sofort in ­gerader Linie an der Decke darunter die Feuchtigkeit sichtbar. Baut er die belüftete Variante, kommt oberhalb von Massivdecke und Dämmung eine Holzkonstruktion für die Lüftungsebene. Massivdecken zeigen im ­sommerlichen Hitzeschutz eine ihrer Stärken. Unabhängig von der Ausführung kann beim Flachdach keine Eigenleistung erbracht werden. 

Das Bauteil ist zu kompliziert und muss von Profis ausgeführt werden. Was Bauherren aber selbst machen können, ist die alljährliche Begehung. Florian Spieß rät seinen Bauherren, einmal im Jahr auf ihr Dach zu ­steigen, es in Augenschein zu nehmen und von Laub und Verunreinigungen zu säubern.

Dämmung und Abdichtung des Flachdachs

Die Wärmedämmung erfüllt die ­Aufgabe, die Raumtemperatur konstant zu halten, also eine Aufheizung der Räume im Sommer sowie Wärmeverluste im Winter zu minimieren. Der Markt bietet eine Vielzahl der verschiedensten Dämmplatten und -matten aus unterschiedlichen Materialien bereit: Mineralfaser, Polystyrol, EPS, XPS, Schaumglas. Mit der Dämmschicht kann bei Bedarf auch das benötigte Mindestgefälle her­gestellt werden.

Eine Dampfsperre verhindert, dass Wasserdampf in die Dämmschicht eindringt. Um die Konstruktion wasserdicht zu bekommen, benötigt man eine Abdichtung. Flachdächer können mit Bitumen- bzw. Polymerbitumen­bahnen, geklebt oder geschweißt, abgedichtet werden, die als sehr ­robust gelten. Kunststoff- oder ­Elastomerdichtungsbahnen sowie Flüssigkunst­stoffe sind flexibel und leicht anpassbar. Richtig ausgeführt, ist die Dichtigkeit des Daches auf Jahre sichergestellt.

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