Gesund und hyggelig wohnen im eigenen Zuhause

In seinem Haus will man sich erholen und Kraft tanken können und damit gesund und hyggelig wohnen. Doch dazu muss man bei der Planung auf unbedenkliche Materialien achten. Wer allzu billig baut, baut auf Kosten seiner Gesundheit und der seiner Kinder.

Sie verzichten auf Zucker, Milch, Käse, auf Brot und andere Getreideprodukte, halten sich dafür an Gemüse, Eier, frischen Fisch und Fleisch – Menschen, die die „Paläo-Diät“ für sich entdeckt haben, die Steinzeit-Diät. Manche von ihnen glauben sogar, dass Homo sapiens besser nie mit Ackerbau, Viehzucht und dem Bau fester Häuser angefangen hätte. Als Jäger und Sammler, als Nomaden, seien wir glücklicher und gesünder gewesen. Sieht man, was unsere moderne Ernährung anrichtet, möchte man ihnen fast recht geben. Und es ist eine Tatsache, dass Gebäude – in denen wir Mitteleuropäer fast 90 Prozent unserer Lebenszeit verbringen – krank machen können.

Altlasten

Die Rede ist vom „Sick-Building-Syndrom“: Bewohner so mancher Häuser klagen über tränende Augen, laufende Nasen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Benommenheit, Schwindel. Doch die Beschwerden können auch lebensbedrohliche Formen annehmen. Schuld sind Wohngifte, Baustoffe mit Risiken und Nebenwirkungen. Glücklicherweise wurden einige der gefährlichsten inzwischen verboten. Wie Asbest, eine natürliche, feuerfeste Mineralfaser, die lange Zeit vielen Baumaterialien beigegeben wurde, Fliesenklebern, Fassadenplatten, Bodenbeläge. Werden die Fasern eingeatmet, führen sie zu Lungenkrebs. Tabu sind ebenso Holzschutzmittel, die PCP (Pentachlorphenol), Lindan und DDT enthalten, Chemikalien, die unter anderem Leber, Niere und Nervensystem schädigen und, im Fall von PCP, auch Krebs erzeugen können.

Leider flüchtig

Diese hochgiftigen Substanzen bleiben dummerweise nicht in den Hölzern, sondern gasen aus, sie gehören zu den sogenannten „flüchtigen organischen Verbindungen“, den VOC („Volatile Organic Compounds“). Und solche gasförmigen Schadstoffe geben auch derzeit verwendete Baumaterialien noch ab. Formaldehyd steht hier an erster Stelle. Es wird unter anderem von Spanplatten, MDF-Platten (mitteldichten Holzfaserplatten), Farben, Kunststoffen, Textilien und Klebern freigesetzt. Formaldehyd reizt Augen und Atemwege, führt zu Kopfschmerzen, Übelkeit, schwächt das Immunsystem und wirkt in hoher Konzentration überdies offenbar krebserregend. Auch Lösemittel, wie Ketone, Ester oder Alkane, reichern sich in der Luft an und schädigen Niere, Leber und Nervensystem, einige vermutlich auch ungeborenes Leben. Sie stammen vor allem aus verschiedenen Klebern, Farben und Lacken. Zu den schwerflüchtigen Verbindungen (SVOC oder „Volatile Organic Compounds“) zählen dagegen die Phthalate, die als Weichmacher dem PVC von Bodenbelägen oder Kabelisolierungen beigegeben werden. Sie können Leber und Niere angreifen und die Fortpflanzungsfähigkeit sowie das Immunsystem beeinträchtigen.

Bekömmliche Alternativen

Vermeidbare Risiken, solange man bei der Auswahl der Materialien Sorgfalt walten lässt. Dabei sind vor allem diejenigen von Bedeutung, die den direkten Kontakt zur Raumluft haben: Farben, Tapeten, Putze, Bodenbeläge. Man greift dann etwa zu Naturharz-Dispersionsfarben ohne Lösemittel und Weichmacher und ohne giftige Konservierungsmittel. Noch gesündere Alternativen wären natürliche Lehm- und Kalkfarben, Silikat-, Leinöl- oder Kalkkaseinfarben.
Putze aus Kalk und mehr noch die aus Lehm wirken sich besonders positiv aufs Raumklima und damit die Behaglichkeit und Gesundheit aus, indem sie bei hoher Luftfeuchte Wassermoleküle aufnehmen und sie bei einsetzender Lufttrockenheit wieder abgeben. Dieser „Feuchteausgleich“ schont die Atemwege und beugt Infektionen vor. 

Verschiedene Maßnahmen zum gesund und hyggelig wohnen:

  • Kalkputz an den Wänden hält die Raumluftfeuchte immer im für den Menschen optimalen Bereich. Foto: Heck Wall Systems Rajasil
  • Raufasertapete, laut Hersteller frei von Weichmachern, PVC und Lösemitteln Foto: Erfurt
  • Ungiftig, selbstbaufreundlich: imprägnierte Gipskartonplatte für den Nassbereich Foto: Knauf Bauprodukte
  • Alkalisch und deshalb nichts für Schimmelsporen ist gemäß Hersteller diese Silikatfarbe, außerdem frei von synthetischen Stoffen. Foto: Auro

Allergische Reaktionen

Unbeschichtete Papiertapeten und Raufasertapeten ohne Kunstharze können das im beschränkten Umfang ebenfalls. Auch Holzböden verfügen über diese Fähigkeit – solange man sie nicht mit Lacken versiegelt, sondern lediglich mit Wachsen oder Öl-Wachs-Emulsionen behandelt. Ausbauplatten aus Holzwerkstoffen sollten zumindest wenig Formaldehyd ausgasen, Gipskarton-, Gipsfaser- und Lehmbauplatten bieten sich als weitere Optionen an, um gesund zu wohnen.

Doch Vorsicht: Auch reine Naturprodukte können es in sich haben. Holz gibt in gewissem Umfang Formaldehyd ab sowie ätherische Öle, auf die manche Menschen allergisch reagieren. In einigen Naturfarben werden verschiedene solcher Öle auf pflanzlicher Basis als Lösemittel eingesetzt.

Ein hoher Wert

Der Besuch der einschlägigen Ökobau-Websites und -Datenbanken im Internet (siehe „Infos“) kann nur zur ersten Orientierung dienen, er ersetzt auf keinen Fall die genaue Prüfung der jeweiligen Produktdeklarationen, vor allem nicht die Prüfung der Baubeschreibung des Bauunternehmers oder Hausherstellers. Die sollte unbedingt zusammen mit einem unabhängigen und in Sachen Wohngesundheit erfahrenen Gutachter erfolgen.

Letztlich ist dieser Mehraufwand eine Investition in den Wohlfühlfaktor der eigenen vier Wände, für die meisten Menschen nach wie vor ein Wert an sich. Sonst wäre gerade wohl kaum „Hygge“ in aller Munde, die dänische Variante von Geborgenheit, von Heimeligkeit. Die Jäger-und-Sammler-Romantik darf man getrost den „Paläos“ überlassen, deren Diät nebenbei nicht ganz billig ist. Skeptiker reden von Luxus. Gesundes Wohnen dagegen ist alles andere als Luxus.

Bauen mit Lehm

Neben Holz war Lehm einer der ersten Baustoffe der Menschheit und er ist immer noch einer der gesündesten, auch was die Verarbeitung betrifft. Thomas Scharf zeigt in seinem „Lehmbau-Bilderbuch“, wie man mit dem selbstbaufreundlichen Material ein rundum ökologisches Haus errichtet. Der Band „Lehm im Innenraum“ dagegen, herausgegeben von Achim Pilz, stellt die zahlreichen Möglichkeiten vor, mit dem Baustoff aus der Grube wohngesunde Räume mit Ambiente zu schaffen.

Thomas Scharf, Lehmbau-Bilderbuch, Fraunhofer IRB Verlag, 2013, 323 Seiten,
ISBN 978-3-8167-8791-4, Preis: 59,- Euro (inkl. MwSt.)

Achim Pilz (Hrsg.), Lehm im Innenraum – Eigenschaften, Systeme, Gestaltung, 
2., erw. Aufl., Fraunhofer IRB Verlag 2012, 286 Seiten, ISBN 978-3-8167-8664-1, 
Preis: 69,- Euro (inkl. MwSt.)

Nachhaltig dämmen

Für den Wärmeschutz setzt das Unternehmen Regnauer Hausbau laut eigener Aussage standardmäßig Holzfaserdämmung ein. Wir befragten Verkaufsgebietsleiter Ludwig Winklmaier zu den ökologischen und baubiologischen Aspekten:

Das Einfamilienhaus: Was tun Sie, um hohe baubiologische Qualität Ihrer Dämmung sicherzustellen?

Ludwig Winklmaier: Wir beziehen nur nachhaltig produziertes und mit dem FSC- beziehungsweise PEFC-Siegel gekennzeichnetes Holz aus möglichst geringer Entfernung zu unserer Produktionsstätte. In der Produktion arbeiten wir mit modernen, energieeffizienten Maschinen. Zudem werden die Hölzer in der Trockenkammer ohne Zusätze technisch getrocknet.

DEH: Welche Vorteile bietet die Holzfaserdämmung im Vergleich mit anderen Dämmstoffen?

LW: Sie wird aus einem nachwachsenden Rohstoff hergestellt und sie hat darüber hinaus einen sehr positiven Einfluss auf das Raumklima. Auch die Dämmwerte sind hervorragend. Der Wärmedurchgangskoeffizient einer mit Holzfasermatten gedämmten Wand beträgt bei den Regnauer Vitalwänden je nach Fassadentyp zwischen 0,141 und 0,166 W/(m2K). Die Passivhausvariante kommt sogar auf 0,115 W/(m2K). Zudem ist der sommerliche Hitzeschutz von Holzfaserdämmung aufgrund der Phasenverschiebung hervorragend. Es dauert rund zwölf Stunden, bis die Hitze die Wand durchdrungen hat. Zu diesem Zeitpunkt hat aber die Nachtabkühlung bereits eingesetzt, sodass das Gebäude nie zu heiß werden kann.

DEH: Wie sieht es beim Thema Brandschutz aus?

LW: Ebenfalls sehr gut. Unsere Wände haben die Brandschutzklassifizierung F 60-B innen erhalten, halten also wie Ziegelwände dem Feuer mindestens 60 Minuten lang stand. Bei der Brandwandprüfung haben sie sogar 89 Minuten widerstanden, also fast F 90-B erreicht.

Infos

Tipps:

Wer es mit Garantie emissionsarm will, kann sich zum Beispiel an die Sentinel Haus Institut GmbH wenden. Sie bildet Planer, Architekten und Handwerker aus, in Sachen Auswahl und Verarbeitung emissionsfreier oder emissionsarmer Baustoffe, verleiht ihnen bei Erfolg entsprechende Zertifikate. Alle Baustoffe werden nach dem AgBB-Schema bewertet (dem AgBB, dem „Ausschuss zur gesundheitlichen Bewertung von Bauprodukten“, gehören u. a. Experten des Umweltbundesamts an sowie des Deutschen Instituts für Bautechnik, DIBt, und des Bundesinstituts für Risikobewertung, BfR). Nach Fertigstellung werden in den Häusern Messungen der Schadstoffemissionen durchgeführt, bei Nichteinhaltung der abgesprochenen Grenzwerte wird nachgebessert (www.sentinel-haus.eu).

 

Labels, Siegel, Gütezeichen:

Der Blaue Engel: für Produkte, die im Vergleich mit anderen aus derselben Produktgruppe besonders umweltfreundlich sind, etwa aufgrund geringen Schadstoffgehalts, vergeben vom Umweltbundesamt und dem RAL-Institut

natureplus®-Zeichen: für Baustoffe, die zu einem bestimmten Prozentsatz aus nachwachsenden oder mineralischen Rohstoffen bestehen; Volldeklaration (Angabe sämtlicher Inhaltsstoffe) ist Pflicht; vergeben vom „Internationalen Verein für zukunftsfähiges Bauen und Wohnen“ (natureplus®)

GuT-Umweltzeichen: für schadstoffarme textile Bodenbeläge; vergeben von der „Gemeinschaft umweltfreundliche Teppichböden e.V.“, einem Zusammenschluss von Herstellern; Permethrin in Wollteppichen ist erlaubt.

eco-INSTITUT Siegel „tested product“: für Produkte mit geringen Schadstoff-Emissionen, Volldeklaration der Inhaltsstoffe ist Pflicht; vergeben vom Kölner eco-INSTITUT

GEV-EMICODE-Zeichen: für emissionsarme Materialien, z. B. Kleber, Spachtelmassen, Dämmstoffe; vergeben werden die Varianten EC 2 („emissionsarm“), EC 1 („sehr emissionsarm“) sowie EC 1 PLUS („sehr emissionsarm“, mit strengeren Grenzwerten als EC 1); vergeben von der Produzenten-Vereinigung „Gemeinschaft Emissionskontrollierte Verlegewerkstoffe e.V.“ 

Info-Adressen

Bauverzeichnis Gesündere Gebäude – Datenbank mit vom Sentinel Haus Institut und vom TÜV Rheinland empfohlenen Bauprodukten, dazu Informationen über wohn-gesundes Bauen allgemein: www.bauverzeichnis.gesündere-gebäude.de

Label-online – Überblick über Label, Zertifikate, Siegel, Gütezeichen, Prüfzeichen usw., getragen von der VERBRAUCHER INITIATIVE e. V., dem Bundesverband kritischer Verbraucherinnen und Verbraucher, finanziert u. a. vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau- und Reaktorsicherheit (BMUB) und vom Umweltbundesamt: www.label-online.de

ÖkoPlus AG – Fachhandelsverbund für ökologisches Bauen und Wohnen:
www.oekoplus.de

Umweltbundesamt – herstellerunabhängige Informationen über potenzielle Belastungen und gesündere Alternativen: www.umweltbundesamt.de

VPB – Verband Privater Bauherren e.V., berät Bauherren und Hausbesitzer produkt- und herstellerneutral, u. a. zum Thema Wohngesundheit: www.vpb.de

Weiterführende Informationen

Sie möchten mehr über ökologisches Bauen erfahren? Dann empfehlen wir Ihnen die folgende Seite:

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