Universal Design für alle Altersklassen

Das Planen im „Universal Design” oder „ud”, einem Design für alle Altersklassen, umfasst weit mehr als barrierefreie Häuser mit verbreiterten Türen und Verzicht auf Schwellen.

„Entwickle für die Jungen, und du schließt die Alten aus. Entwickle für die Alten, und du schließt die Jungen mit ein.” Schon in den 1980ern hat Bernard Isaacs erkannt, dass in unserer Lebenswelt etwas grundsätzlich nicht stimmt. Die basteln und bauen wir uns schließlich zum größeren Teil selber, so der britische Experte für Altersmedizin, und dennoch scheint vieles in ihr nur für agile, junge Menschen und feinmotorisch Hochbegabte gemacht zu sein. Gut beobachtet und nach wie vor hochaktuell. Wenn es nur die Fernsehgeräte und Handys wären! Oft aber fordern sogar unsere Wohnungen und Häuser den Artisten, den Athleten. Ausgrenzende, diskriminierende, geradezu undemokratische Architektur, entworfen von Planern, die sich offenbar nicht in Personen fortgeschrittenen Alters hineinversetzen konnten.

Alterssimulator

Wissenschaftler haben deswegen den Alterssimulator erdacht, eine Art Tiefseetauchanzug mit Helm, Gewichten und Gummizügen an genau den richtigen, also: den falschen Stellen. Schlüpft man in diesen „Aging Suit”, ist es augenblicklich vorbei mit der Behändigkeit, die Kraft ist halbiert, das Bücken fällt schwer, Schaumgummisohlen schaffen einen unsicheren Gang. Eine echte Zeitmaschine. Sie macht immobil und engt das Gesichtsfeld ein – und sorgt trotzdem für Horizonterweiterung. Designer legen den „Aging Suit” an, um Geräte, Möbel und Fahrzeuge seniorenfreundlich zu gestalten. Aber auch Architekten und Innenarchitekten täten gut daran, die Einschränkungen des Alters vor der Zeit am eigenen Leib zu erfahren. Anschließend ginge ihnen das Planen barrierefreier Wohnungen und Häuser leichter von der Hand. Besser: das Planen im „Universal Design” oder „ud”, einem Design für alle Altersklassen, das weit mehr umfasst als verbreiterte Türen und Verzicht auf Schwellen.

Demokratisches Design

Architekten, und nicht nur ihnen, klingt „barrierefrei” ohnehin zu sehr nach Altenheim und Reha-Zentrum, mit „Universal Design” dagegen können sie sich identifizieren. Funktionieren solle es, generationengerecht und demokratisch bis ins Detail, so der Berliner Architekt Eckhard Feddersen, aber dabei nicht auf sich aufmerksam machen. Feddersen in einem Interview 2010 in der Kundenzeitung eines Wohnungsunternehmens, einem seiner Auftraggeber: „Nehmen wir zum Beispiel den Briefkasten. Wenn wir ein Brett unter die Briefkastenanlage bauen, können die Bewohner ihre Einkaufstasche dort abstellen und müssen sich nicht jedes Mal ganz tief bücken.” Sitzbänke in den Aufzügen gehören zum Konzept. Handläufe könne man durchaus so gestalten, dass sie funktionell und zugleich optisch unaufdringlich sind. Besonderen Wert legt man auf die Ausleuchtung aller Wege und Verkehrsflächen, innen wie außen, wirkungsvoll, nicht flutlichtartig. Sein Büro achte auf Kleinigkeiten und das große Ganze, einschließlich der farblichen Gestaltung: „Unser Ziel ist es, das Wohnen für Jung und Alt schöner zu machen ...”

Altersgerecht wohnen

In von Architekten für sich und ihre Familien entworfenen Häusern war „ud” oft schon umgesetzt, bevor es den Begriff gab. Mit ihren eigenen Versionen kommen Haushersteller und Bauträger der nun wachsenden Nachfrage entgegen. Neutrale, flexible Grundrisse passen sich wechselnden Anforderungen an, erlauben „Umwidmungen” der Zimmer, zum Beispiel das Leben auf der Erdgeschossebene mit allem Notwendigen, wenn das Treppensteigen zur Last wird. Oben werden dann Gästezimmer eingerichtet.

Die Türen sind breiter, die Flure und generell alle Verkehrsflächen ausladender. Komfort und Sicherheit bringen die mit dem Bewegungsmelder gekoppelte Beleuchtung des Wegs zum Hauseingang, die versenkte Fußmatte, die Garderobe bietet eine kleine Sitzgelegenheit. Auch auf Balkon oder Terrasse gelangt man ohne Stolperfalle, etwa dank Magnet-Doppeldichtungen statt der üblichen Schwellen von Fenstertüren. Die Treppenstufen sind allesamt beleuchtet. Türgriffe sind ergonomisch geformt und lassen sich zur Not auch mit dem Ellenbogen bedienen. Längst Standard ist im Bad die bodengleiche Dusche, größer, mit mehr Bewegungsfreiheit.

Automatisation macht Sinn, Rollladen- und Fensterantriebe mit Fernbedienung etwa. Über die Sprechanlage mit Kamera stellt man fest, ob da die Nachbarin klingelt oder jemand auf ein Haustürgeschäft aus ist. All diese vermeintlichen Extras werden zuerst einfach nur als komfortabel wahrgenommen, stoßen niemanden mit der Nase darauf, dass sie vor allem eins bezwecken: den Bewohnern ihre Unabhängigkeit zu garantieren, sobald die Beweglichkeit nachlässt.

Alltagshilfen in Maßen

Alltagshilfen im Wohnbereich sind heute so weit entwickelt, dass die ersten Wissenschaftler und Berater Otto Normalbewohner bereits vor zu viel Komfort warnen. Die eine oder andere Barriere dürfe sein, Hindernisse trainierten Körper und Geist, seien Herausforderungen – und diese hielten fit. Herausforderungen, denen man mit Gelassenheit begegnen kann. Die kommt mit den Jahren. Mit dem Anlegen des Aging-Suits kommt sie dagegen nicht automatisch.

Barrierefrei nach DIN 18025

Damit zu Hause alles ohne Hindernisse läuft, sollte man gemäß DIN 18025 planen lassen und gegebenenfalls auch über sie hinausgehen. Weiterführende Infos gibt es auf der Website des BKB, des „Bundeskompetenzzentrums Barrierefreiheit e.V.” (www.barrierefreiheit.de; E-Mail: info@barrierefreiheit.de;  Tel.: 0 30/3 00 23 10-10).


Mindestmaße
Nach ihr müssen Türen mindestens 90 Zentimeter lichte Breite haben und immer zum größeren Raum hin öffnen, damit, falls man stürzt, die Helfer zu einem gelangen können (wichtig in Bad und WC). Vor und hinter den Türen muss ein Raum von mindestens 1,50 mal 1,50 Metern frei bleiben, der einfaches Manövrieren mit dem Rollstuhl erlaubt. Lichtschalter müssen in einer Höhe von 85 Zentimetern angebracht werden, Schwellen sind tabu.

Türen und Treppen
Elektrische Türöffner sind zumindest empfehlenswert. Schiebetüren haben sich daneben als vorteilhaft erwiesen: sie sparen Platz, ihre Türblätter verschwinden in der Wand oder schieben sich davor. Treppen sollten unkompliziertes Nachrüs-ten eines Treppenlifts erlauben. Balkonbrüstungen dürfen tiefer liegen, ebenso die Fensterbrüs-tungen, wo nicht gleich bodentiefe Fenster ein- gebaut werden.

Bad, WC und Küche
Waschtische in Bad und WC müssen unterfahrbar sein, in der Küche die Arbeitsplatten, Tische und Schreibtische ebenfalls. Optimal sind höhenverstellbare Tische, Arbeitsplatten und gegebenenfalls Schränke. Sinnvoll kann es überdies sein, Backofen und Spülmaschine höher einzubauen und die Herdplatten in einer Reihe anzuordnen, damit man nicht über brodelnde Töpfe greifen muss. Innen- und Zwischenwände im Bad sollten massiv ausgeführt werden, damit später eventuell Haltegriffe und Stützvorrichtungen stabil und verlässlich angebracht werden können. Die bodengleiche Dusche muss über einen Sitz verfügen, die Wanne sollte eine Tür besitzen, über die sie von der Seite bestiegen werden kann.

Garage
Die Garagen müssen großzügiger ausfallen, d.h. mindestens fünfmal 3,50 m messen, um Rollstuhlbenutzern problemloses Ein- und Aussteigen zu ermöglichen.

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Autor: Oliver Herwig
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